Am Anfang sitzt ein Cowboy am Horizont und wartet. Es kommen noch zwei von seiner Sorte, dann reiten sie los. Am Bahnhof, der aus einem einzigen Gleis besteht, erwarten sie ihren Boss mit dem Mittagszug. Bis dahin bleiben siebzig Minuten Zeit. Dann werden sie zu viert in die Stadt gehen, um unsere Hauptfigur zu erschießen – den Sheriff.
Ich habe diesen Film das erste Mal als Kind gesehen, auf VHS und dem Röhrenfernseher im Wohnzimmer meiner Eltern. Als Kind projiziert man persönliche Erfahrungen ja selten auf das Thema einer Geschichte, weil meistens noch keine da sind; ich sah den Film also wieder und wieder, weil er so spannend war.
Der Sheriff (Gary Cooper) erfährt von den Cowboys, die am Bahnhof warten. Er hat gut eine Stunde, um Unterstützung zu organisieren – und panische Angst, die er als Sheriff nicht zeigen darf. Im Western wird dauernd
gewartet, und hier besonders gut: sowohl die Gewissheit, dass der Zug auf dem Weg ist, als auch die dämmernde Erkenntnis, dass ihm niemand helfen wird, sind so gnadenlos, meine Güte. Es steckt viel Einsamkeit darin und ein Gefühl für die Unaufhaltsamkeit der Dinge. Das berührt mich sehr, wenn ich den Film heute sehe. Es ist außerdem wichtig bei Lieblingsfilmen, dass man betont, wie großartig der Soundtrack ist. Damit andere nach der Erstsichtung
nicht versehentlich zu dem Schluss kommen, die Musik habe ihnen nicht gefallen. Die hier hat einen Oscar gewonnen. Auch wenn das ein billiges Mittel ist, um für einen Film zu werben. Trotzdem nochmal: sie hat einen
Oscar gewonnen. Cooper auch. Und die Editoren. Das macht Spaß, wenn man einen Film als Fünfjähriger verteidigt wie ein Fünfundzwanzigjähriger und als Fünfundzwanzigjähriger guckt wie ein Fünfjähriger.
Weil mir High Noon bereits ganz lange gefällt, fühlt sich schon die Eröffnungsszene an wie nach Hause kommen.

HIGH NOON, USA, 1952
Produktionsgesellschaft: Stanley Kramer Productions
Drehbuch: Carl Foreman
Produzent: Stanley Kramer
Kamera: Floyd Crosby
Production Design: Rudolph Sternad
Schnitt: Elmo Williams
DarstellerIn: Gary Cooper, Thomas Mitchell, Lloyd Bridges, Katy Jurado
Grace Kelly, Otto Kruger, Lon Chaney, Henry Morgan
35MM, Schwarz Weiß, 85 Min.
DVD, Bluray über Arthaus.de erhältlich
Online Stream bei Amazon Prime für 3,89€ möglich.

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