Wie kann ein physisches, ein spürbares Kino aussehen, was sich sowohl sinnlich als auch politisch und ästhetisch mit dem Geschichtenerzählen an sich, dem Postkolonialismus und dem dokumentarischen Wahrheitsbegriff auseinandersetzt?
Die Antwort auf diese Frage habe ich für mich in dem Film CEMETERY vom spanischen Künstler, Autoren und Regisseur Carlos Casas gefunden.
Bei kaum einem Film möchte ich so dafür plädieren, dass er auf die Leinwand gehört.
Ursprünglich als Videoinstallation mit dem Namen SANCTUARY veröffentlicht, vereint der Film CEMETERY eine zehn Jahre lange Recherchearbeit des Regisseurs zu einem Kinofilm. Alle Kategorien, ob Dokumentarfilm, Spielfilm, Experimentalfilm, würden dem Film nicht gerecht werden. Im Gegenteil: Genau die Frage der Kategorisierung macht der Film auf seiner Metaebene konstant zum Gegenstand der Verhandlung.
Gegliedert in vier Kapitel erzählt der Film die Reise eines Elefanten, im Dschungel von Sri Lanka, hin zu seiner letzten Ruhestätte.
Inspiriert von Abenteuerfilmen wie Tarzan, arbeitet sich der Film an der Sehgewohnheit der Zuschauer*innen ab, indem er den Symbolismus des Elefanten und die damit verbundene Mythologie des Elefantenfriedhofs dekonstruiert.
Auf diese Reise lädt einen der Film ein und schafft dabei ein audiovisuelles Erlebnis, welches so mutig und zugleich simpel ist. Ich möchte an dieser Stelle besonders das „Audio“ hervorheben, da sich der Film besonders auf dieser Ebene auszeichnet.
In Kollaboration mit den Soundkünstlern Tony Myatt (Zeitgenössische Audiokunst und Computermusik) und Chris Watson (wildlife soundrecordist), schafft der Film eine Soundcollage, die mich von der ersten bis zur letzten Minute in ihren Bann gezogen hat. Für die Aufnahmen reisten sie um die ganze Welt, um u.a. Elefantengeräusche aufzunehmen. Ziel war es, eine Tonsprache zu finden, die dem Menschen verständlich macht, wie Elefanten miteinander kommunizieren und die inneren, „seelischen“ Vorgänge dieses Tieres zu veräußerlichen.
Die Bandbreite der Tonebene von CEMETERY reicht von abstraktem A cappella Gesang über Naturgeräusche bis hin zu Synthesizer Schwingungen, die in Kapitel Nummer drei eine 20-minütige Sequenz begleiten, die sich nur noch schemenhaft in Schwarzwerten abspielt. Mal meint man, den Stoßzahn eines Elefanten zu sehen, mal eine galoppierende Horde. Immer weiter wird man reingezogen, bis man das Gefühl hat, einer von ihnen zu sein und die Perspektive des Elefanten einnimmt, der seine letzten Schritte geht, seinen letzten Atemzug macht und dann bewusstlos wird. Noch nie habe ich mich einem sterbenden Elefanten so nah gefühlt.

CEMETERY, F/UK/PL/UZB, 2019
Produktionsgesellschaft : Spectre Productions, Map Productions, Armi Artists Moving Image, Etnograf
Drehbuch: Carlos Casas
Produktion: Olivier Marboeuf, Elena Hill, Krzysztof Dabrowski, Saodat Ismailova
Kamera: Benjamin Echazarreta
Schnitt: Felipe Guerrero
Soundtrack: Chris Watson, Tony Myatt, Ariel Guzik
Darsteller*in: Wayne Bamford, Tony Lourds, Warna Sandeeya
Digital, Farbe, 85 Min.
Onlinestream bei mubi.com möglich.

Dieser Text ist ein Online Special zur REVÜ Ausgabe II. Diese kannst du hier bestellen.

Das könnte dir auch gefallen

Back to Top